36 Orte in Krakau und 36 Orte in Nürnberg und wie sie sich nach 22 Jahren verändert haben.

Wähle eine Stadt!

sightseeing 2004 / 2026

Ein Stipendium führte mich 2004 in Nürnbergs Partnerstadt Krakau, eine große, aufregende und mir bis dahin völlig unbekannte Stadt. Doch wie nähert man sich einem solch unbekannten Ort? Der beste Weg für mich ist es, sich besondere Orte zeigen zu lassen. Nicht das touristische Gesicht der Stadt wollte ich sehen, sondern die individuellen »Sehenswürdigkeiten«. Und so entstand das Videoprojekt »sightseeing Kraków / Nürnberg«. Es ist eine Sammlung von Lieblingsorten der Menschen geworden, die ich dort traf. Zurück in Nürnberg sammelte ich per Video die gleiche Anzahl von Lieblingsorten unterschiedlicher Menschen hier. Entstanden ist ein vielschichtiges Austauschprojekt — und zugleich ein ungewöhnlicher Reiseführer zu besonderen Orten in den beiden Partnerstädten. 

Was ist nun aus diesen Orten geworden? Wie haben sich die Städte verändert? Und was ist aus den Menschen geworden, die damals am Projekt beteiligt waren? 

Das Projekt »sightseeing - 2004 / 2026« erforscht die Veränderung in den Stadtlandschaften und die Struktur der Partnerstädte. Es stellt sich die Frage nach dem Leben in der Stadt: Was macht das urbane Leben lebens- und liebenswert? Nach welchen Qualitäten sehnen sich die Menschen und wo finden sie diese? Welche Veränderungen werden nach 22 Jahren sichtbar?

»sightseeing Kraków/Nürnberg« ist ein fortschreitendes Projekt. Die Diskussion, was Städte lebens- und liebenswert macht und was Stadtbewohner brauchen und mögen, geht weiter. Interessant ist der Vergleich zwischen den Lieblingsorten 2004/05 und 2026. Die Veränderungen in den beiden Städten zeigen sich hier gut bei näherer Betrachtung.

Zum Vergleichen gibt es neben dieser Website eine gefruckte Publikation von 2026 und das Sightseeing-Booklet von 2004. In Krakau wird es in der Galeria Dom Norymberski eine Ausstellung mit den
entstandenen Videos von 2004 und 2026 geben. Auch für Nürnberg ist eine Ausstellung geplant.

22 Jahre später – Sightseeing Revisited
Kraków–Norymberga / Nürnberg–Krakau – ein Videoprojekt

Dr. Anna Scherbaum (Bamberg) über das Videoprojekt:

„Ich sammle Lieblingsorte. Hast Du einen Lieblingsort in der Stadt? Zeigst Du ihn mir?“ — Mit diesem Aufruf begann die Nürnberger Künstlerin Pirko Julia Schröder vor 22 Jahren ihr Multimedia-Projekt Sightseeing Krakau–Nürnberg. In Krakau und später auch in Nürnberg ließ sie sich von insgesamt 36 Menschen zu ihren persönlichen Lieblingsplätzen führen. Dabei entstanden Videoaufnahmen und Gespräche, die die Städte nicht als touristische Kulisse zeigen, sondern als emotionale Erfahrungsräume.

Die filmischen Sequenzen ermöglichen es, für einen Moment mit den Augen anderer zu sehen und ihren Gedanken zu folgen. Die Orte erzählen von Rückzug, Freiheit und Zugehörigkeit – und davon, wie sehr persönliche Wahrnehmung unser Bild von Stadt prägt.

2026 kehrt Pirko nach Krakau zurück. Sie lebt erneut im Nürnberger Haus im Stadtteil Kazimierz. Ihr neues Videoprojekt knüpft unmittelbar an die damalige Arbeit an: Sie besucht die Orte von einst wieder und stellt die früheren Aufnahmen aktuellen Bildern gegenüber. 

Vor 22 Jahren begegnete sie in Kazimierz einem Viertel voller Brachen, Freiflächen und sichtbarer Geschichte. Das ehemals jüdische Viertel wirkte roh und ungestaltet, zugleich aber offen für Aneignung und spontane Nutzung. Die Einladungen führten sie aufs Dach der Musikhochschule, in einen Steinbruch mit Badesee, in Jazzkeller, Kneipen, in eine Produzentengalerie oder an unscheinbare Rückzugsorte mitten in der Stadt. Viele Lieblingsorte lagen verborgen auf Freiflächen – Orte des Abstandgewinnens und der Erholung, geheime Räume, die für einen Moment nur denjenigen zu gehören schienen, die sie kannten. 

Auch Nürnberg wurde Teil des Projekts. Dort begleiteten vor allem Menschen aus Pirkos Freundeskreis die Künstlerin zu ihren persönlichen Orten. Im Unterschied zu Krakau hat sich Nürnberg in den vergangenen Jahrzehnten vergleichsweise wenig verändert. Gerade daraus entsteht heute ein spannender Kontrast zwischen beiden Städten und ihren unterschiedlichen Entwicklungen. 

Krakau hat sich seit dem EU-Beitritt Polens 2004 tiefgreifend gewandelt. Investitionen in Infrastruktur, Stadterneuerung und Kultur veränderten das Stadtbild nachhaltig. Besonders Kazimierz entwickelte sich zu einem bekannten Kultur- und Szeneviertel. Historische Gebäude wurden saniert, öffentliche Räume neugestaltet und ehemalige Freiflächen bebaut oder reguliert genutzt. Diese Veränderungenprägen auch die Orte des ursprünglichen Projekts. Manche existieren nicht mehr, andere sind kaum wiederzuerkennen. Viele der Menschen, die Pirko Julia Schröder damals begleiteten, sind heute nicht mehr auffindbar. 

Das neue Videoprojekt macht Vergangenheit und Gegenwart gleichzeitig sichtbar. In den Bildern derselben Orte begegnen sich Erinnerung und Veränderung, persönliche Geschichten und städtischer Wandel. Dabei wird deutlich, dass Städte nicht nur aus Gebäuden und Straßen bestehen, sondern ebenso aus Erfahrungen, aus Beziehungen der Menschen, die in ihnen leben. 

Das vielschichtige Porträt über Zeit, Erinnerung und Transformation zeigt, wie sehr Menschen Orte prägen und wie Orte umgekehrt Teil persönlicher Biografien werden. Während die Orte in Nürnberg durch die Kontinuität persönlicher Beziehungen bis heute vertraut wirken, erscheint Krakau nach 22 Jahren deutlich verändert. Besonders in Kazimierz wird sichtbar, wie sich urbane Räume wandeln und neue Bedeutungen annehmen.

Die Wiederbegegnung mit denselben Orten stellt zugleich die Frage, was einen Lieblingsplatz ausmacht: der Ort selbst oder die Menschen, mit denen er verbunden ist. Was bleibt und was entsteht, wenn sich die Stadt verändert hat und frühere Bezugspersonen fehlen? Persönliche Erinnerungen, städtischer Wandel und unterschiedliche Zeitschichten überlagern sich zu einem neuen Blick auf beide Städte.